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Der Waldläufer im Totholz

Die Schweiz braucht mehr Wildnis. Die Fotografien von Tres Camenzind über den Wald zeigen, warum. Ein Besuch im BSINTI, der Kulturbar von Braunwald.

von Köbi Gantenbein im Hochparterre 10/2020


Tres Camenzinds Fotografien zeigen nicht die populä­re Schönheit des Waldes, wie sie der Maler Caspar Da­vid Friedrich vor 200 Jahren begründet hat, wie wir sie kennen aus den Märchenbüchern und wie sie Tausende Instagram-Postkarten herstellen. Verzittert, überblendet, verfremdet hängen Waldmomente an den Wänden der Kulturbar Bsinti in Braunwald. Im kleinen Kaffee- und Kunsthaus hat Camenzind die Stimmung des Waldläufers abgebildet, die knisternde Entfremdung, die jeder erlebt, wenn er aus seiner gewohnten Stadtlandschaft in den Wald tritt, wo die Wege aufhören und die Orientierung ver­loren geht, ausser man kann Sonne, Wolken und Tierspu­ren lesen. Der Fotograf weckt Bilder in unseren Köpfen. Dafür steht er mit seinem Apparat auf einem Punkt vor dem Wald oder im Unterholz. Er schüttelt und rüttelt die Bäume und Büsche mit den optischen Techniken und spä­ter mit den Werkzeugen des Computers. Er geht von seiner eigenen sinnlichen Erfahrung aus und verlässt sich auf Ahnungen, Mythen und Ängste - der erschütternde Wald.

Wald und Wildnis

Doch Tres Camenzinds Waldbilder berichten auch vom Albtraum, aus dem wir erwachen, schweissgebadet. Mausbeinallein waren wir im Wald verloren, verfolgt vom Glasmännchen und geröstet vom Toggelschrat. Wir haben eben erlitten, wie die gewohnte Ordnung ins Chaos gekippt ist und wir ins Unergründliche gestürzt sind. Der Wald ist immer auch die Wildnis. Die Wortforscher verbin­den beide Räume. Der Wald, sagen sie gar, sei ursprüng­lich die Wildnis, der gesetz- und kulturlose Ort, aus ihm und seiner Finsternis, seinen Raubtieren und Albträumen hätten die Menschen sich mühsam befreit, um ihn dann, als Beginn der Kultur, zu roden und zu ordnen. Und ihn vermessen, erforscht, weg bar gemacht und so gerüstet für die Ausbeutung und die Zerstörung.
Die Waldvernichtung ist einer der grossen Feldzüge der Menschen gegen die Natur. In der Antike Hessen die Seefahrer-Fürsten die Wälder vernichten. Der Brandro­der ist eine Heldenfigur der Schweizer Geschichte. Bis zur , einer neueren Erfindung der Urbanisten, schlossen Wald, Wildnis und Siedlung einander aus. Kon­trolliert als Garten war er willkommen, nicht aber gedul­det in seinem Eigensinn. Noch im 19. Jahrhundert rodeten die Schweizer weite Teile ihres Gebirgswaldes für den Holzhunger der aufkommenden Industrie und der wach­senden Städte. Heute verschwindet stündlich Hektar um Hektar in Lateinamerika, damit die Sojafelder für unseren Fleischhunger wachsen können, oder in Südostasien, wo die Plantagen mit den Ölpalmen für unsere Schokoladen, Tomatensuppen, Duschgels und Eyeliner gedeihen. In der Schweiz hat sich der Wald seit dem Waldge­setz, das Oberforstinspektor Johann Wilhelm Fortunat Coaz vor 150 Jahren entworfen hat, erholt. Vor gut hundert Jahren haben er und seine wohlhabenden Bürgerfreunde aus dem Unterland im Engadin sogar den ersten National­park der Alpen eingerichtet, wo Wald und Wildnis seither mehr oder weniger machen können, was sie wollen. Eine koloniale Tat, den Gebirglern verordnet. Der schöne wilde Wald, wie Tres Camenzinds Bilder ihn zeigen, ist mittler­weile populär - ausser er kommt den Menschen zu nahe.

Wildnis im Kopf

Camenzinds Wälder erschüttern den gewohnten Blick auf die zwei hohen Schweizer Werte Sauberkeit und Ord­nung. Äste, Farben und Lichter verschwimmen ineinan­der. Boden, Baum und Himmel verlieren das Oben und Unten. Die Konturen sind fort, wir müssen vermuten, was wozu gehört. Die Fotografien bilden auch ab, dass es mit unserer Liebe zum Wald als Wildnis nicht so weit her ist. Immerhin: 17 Prozent der Schweiz sind wildnisnahe Land­schaft, ein beträchtlicher Teil davon Felsen, Schutt und Eis, weit weg und hoch oben. Je näher aber die Siedlungen rücken, umso wichtiger wird der Kampf um Reinlichkeit und Sicherheit. Zudem gilt: Wildnis ja, aber nicht da, wo ein Kraftwerk oder ein Skilift gebaut werden könnte. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Ge­meinde Glarus Süd, zu der Braunwald gehört, wehren sich wie fast alle Menschen am Waldrand dagegen, dass ihr Territorium als Vorraum zur Wildnis kolonisiert wird.
Je weiter aber der Waldrand weg ist, umso grösser ist die Freude am vermeintlichen Paradies. Und das nutzten die Ideologen des ETH-Studios Basel und von Avenir Suisse vor einem Dutzend Jahren, um Bergsubventionen zu spa­ren und die «Alpinen Brachen» sich selbst zu überlassen. Es war ein Schuss in den Ofen, denn der Kampf gegen die Wildnis ist tief verankert, auch wenn immer mehr Men­schen ihren Rand verlassen. Aber Obacht - die Wildnis wird dennoch vor stadtnahen Räumen nicht Halt machen, prophezeit Tres Camenzind frohgemut. Seine Bildergale­rie hat er im Urwald der Bödmeren fotografiert oder im Brunniswald hoch oben im Kanton Nidwalden, aber auch nahe der Stadt im Niderholz bei Ellikon, auf der Höhronen über dem Zürichsee oder im Klettgau. - Und wird der Wald wild in Altenstein, am Irchel oder in Bernhardzell, würde sich dann die Haltung ändern, und die Wildnisskeptiker aus dem Gebirge wären nicht mehr allein?

Wildnis am Boden

Die Fotografien beleuchten drei Erkenntnisse. Erstens findet Wildnis im Kopf statt. Da ordnen und archivieren wir unsere Bilder, vorgeformt von Fotografien. Ob liebli­che Blumenwiese oder stachliges Dickicht, beides hängt von unseren Erfahrungen im Büro und den Träumen vom schönen Landleben ab. Wir bringen nicht nur für die Kul­turlandschaft, sondern auch für die Wildnis unsere Erin­nerungen und Werte in Stellung. Wir verteidigen unsere Interessen und schützen unsere Bretter vor dem Kopf, die anders gemasert sind im Gebirge als in der Stadt, wo der Schnee, der Wolf und die Lawine vorab grossartige ästhe­tische Ereignisse sind. Zweitens geschieht Waldwildnis völlig unabhängig von uns, draussen bei den Bäumen, wo nur die Kamera ist. Die kreuz und quer hängenden Zwei­ge, die schillernd tanzenden Farben auf Camenzinds Bil­dern brauchen uns allenfalls als Betrachter, sonst aber überhaupt nicht. Drittens ist die Neugierde für Wildnis keineswegs neu. Je mehr sie zerstört wird, umso poeti­scher wird Wildnis besungen und umso stärker wird sie be­sucht. Bemerkenswert ist, wie die Natur- und Landschafts­schutz-Organisationen mit naturforschendem Können und naturschützendem Furor Wildnis in den letzten Jah­ren zu einem politischen Projekt gemacht haben. Aller­dings mit Niederlagen für neue Nationalpärke, trotz der Gewissheit, dass der Klimawandel und die Abwanderung aus den Bergregionen solche Projekte fördern wird. In flottem Trotz leuchtete neulich ein Heft von Pro Natura aus dem Briefkasten: «Und jetzt erst recht: die Wildnis!»

Ein neuer Studiengang

Aus solchen Erkenntnissen wächst die «Wildnis-Stra­tegie Schweiz». Mountain Wilderness Schweiz hat sie jüngst vorgelegt und die Wege dahin entworfen. Kämpfte die kleine Umweltorganisation bisher spektakulär gegen die Helikopterflüge für Tiefschneefahrer, die zu faul sind, auf den Berg zu steigen, oder gegen die Vermöbelung der Alpen mit Hängebrücken und anderem Unsinn, so unter­legt sie ihre Aktionen nun mit einem klugen, ausgereiften Plan für die Wildnis bis 2030. Es geht um Wissen über die wilden Landschaften und die gewissenhafte Voraussicht, dass mehr Wildnis nur herzustellen ist, wenn die, die in ih­rer Nähe noch leben, das auch wollen. Das macht die Ide­en bodenständig und vernünftig. Bemerkenswert ist der Plan, die kleinen Wildnisse in und vor den Städten mit der grossen Wildnis im Gebirge zu verbinden. Mountain Wil­derness fordert damit auch die routinierten Landschafts­architekten heraus. Sie haben in den letzten Jahren im­mer gegen die Wildnis kämpfen müssen, denn nirgends wird Ordnung und Reinlichkeit so hartnäckig umgesetzt wie in den zeitgenössischen Parkanlagen und Gärten. Und so scheint aus den Waldbildern von Tres Camenzind, die über die Kante von Wald und Wildnis balancieren, das Curriculum für einen neuen Landschaftsarchitektur-Stu­diengang auf: Der dipl. Wildnisser und die Dr. Wildnisse­rin - Erforscherinnen und Verknüpfer der Gebirgs- mit der Flachlandwildnis vor und in den Städten, wo gelten soll: Kampf dem Rasen, langes Leben dem Unkraut, den ver­dorrten Zweigen und dem Totholz.

Wildnis lesen

Mountain Wilderness Schweiz und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft haben zusammen die Studie ,Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz, erarbeitet. Im ersten Teil sind die Autorinnen unterwegs im Maderanertal und gruppieren die Einstellungen der Einheimischen zur Wild­nis. Zu dem, was wir vermuten - sie mögen die Wildnis nicht-, kommen fein­sinnige Erklärungen über Ängste, Er­fahrungen und Interessen. Zudem betra­gen sie Beamte in den Bergkantonen. Die mögen zwar mehr Wildnis, lieber aber im anderen als im eigenen Territorium. Im zweiten Teil erforschen die Wissen­schaftler das Wildnis-Potenzial. Ein Fünftel des Landes hat das Zeug für Wild­nis hoch oben bei Fels und Eis, aber auch vor der Haustür der Städte. Immer wieder ziehen die Autoren Schlüsse für die politische Arbeit. Die Studie ist denn auch eine Grundlage für die «Wildnis­Strategie Schweiz». Sebastian Moos, Sarah Radtord, Aline von Atzigen, Nicole Bauer, loset Senn, Felix Kienast, Maren Kern, Katharina Con­radin. «Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz». Haupt Verlag, Bern 2019. Unter­stützt von der Bristol-Stiftung. 39 Franken bei hochparterre-buecher.ch

Bsinti Braunwald

In der Kulturbar ,Bsinti> in Braunwald kann man essen, trinken, zusammensitzen, Bücher anschauen und kaufen. Im Lese­cafe gibt es Konzerte, Lesungen und Ausstellungen über die Fotografie im alpi­nen Raum. Tres Camenzinds Bilder «und grün wie der Himmel» sind noch bis zum 18. Oktober zu sehen. www.bsinti.ch


pdf der originalen Seiten aus dem Hochparterre 10/2020

 



«transition» (Pressetext)

Galerie Wenger, Zürich - 19. März bis 25. April 2020
kuratiert von Reto Kaufmann

Tres Camenzinds Fotografien werden mit dem Altern eines guten Barolo verglichen, je länger dieser lagert, desto tiefer und voller wird sein Volumen.
Camenzinds Arbeiten besitzen ebendiesen Reifeprozess. Seine Serien bauen aufeinander auf, vertiefen sich mit der Zeit, und der Tonus wächst zu einem immer grösseren Volumen heran. Seine Fotografien erreichen eine steigende Unmittelbarkeit, eine Unfassbarkeit, aber auch Flüchtigkeit. Sei es bei Themen um den Menschen an sich, in der Stadt, oder bei Themen der Natur, der Landschaft oder Wälder. Tres Camenzind dringt mit seiner Kamera auf analogem Wege in diese Themen ein und reizt eine Zufälligkeit des Moments heraus, auf die es ihm ankommt. Durch die Technik der Mehrfachbelichtung, also Überlagerungen verleibt er seinen Werken eine künstlerische Konstruktion ein; er nennt es „konstruierte Zufälle“.
Der Titel der Ausstellung TRANSITION steht für den Wandel und eine Entwicklung innerhalb der ausgestellten Serien; für den Weg, den seine Ensembles gehen; vom analog geschichteten Original der frühen Serien bis zur aktuellen dreidimensionalen, mehrschichtigen Installation im Raum.

Die Galerie Wenger freut sich sehr, mit dem Fotografen Tres Camenzind einen neuen Projektkünstler in der Reihe plus+ zu präsentieren. In dieser Reihe gibt die Galerie noch weniger etablierten Künstlern eine Plattform. Für Tres Camenzinds ist es seine erste Soloshow in einer Kunstgalerie.
1963 in Realp, Uri geboren, studierte er zunächst für kurze Zeit Soziologie und etablierte sich dann ab 1991 als selbständiger Fotograf. Neben Projekten als Auftragsfotograf, arbeitet Camenzind vor allem auch als Künstler und folgt hier seiner Intuition und der unbewussten Reflexion des eigenen Ichs. Er arbeitet ausschliesslich in Serien.

In der Ausstellung werden Arbeiten aus drei Serien gezeigt, die sich als ‘tryptichonales Ensemble’ verstehen lassen, so der Künstler.
melting cuts (2003-10) zeigt städtische Szenen von Menschen überfüllter Plätzen. Städte wie New York City, San Francisco, Istanbul oder auch Chennai in Indien. Man spürt Hektik und Chaos heraus, verstärkt durch die Überlagerungstechnik der Mehrfachbelichtung. Aber man sieht auch ein kunterbuntes, lebhaftes, lebendiges Wimmelbild, in dem gesucht und gefunden werden kann, Flüchtiges vergeht, der Moment zählt. Je nach persönlicher Betrachtung und Perspektive bleibt das haften, was man sehen will. Keine zehn Fotos überlagern sich, und doch verlieren sich die Schichten, das Greifbare ins fast Spurenlose.

Die Arbeiten der Serie und grün wie der Himmel (2012-15) bestechen durch sehr viel mehr Ruhe trotz der kaleidoskopischen Fülle des Waldes, des Flimmerns des Lichts zwischen dem Grün, des Ineinandergreifens der Bäume, Äste und Blätter. Es werden hier bis zu 60/70 Schichten überlagert. Eine Fülle an bewusst unbewussten Gefühlen werden assoziiert. Oder wie es sein treuer Freund und Weggefährte in der Fotografie, Giorgio von Arb ausdrückt: “Die Fotografien von Tres Camenzind lösen an der Grenze zwischen meinem Bewusstsein und Unterbewusstsein eine abenteuerliche Reise aus, ein steter Spagat verbindet diese zwei Seiten des Menschseins, berührt auch unausweichlich Räume unserer Kindheit. (…) im Wald sind wir das, was wir immer schon waren! Diesen Wäldern hat Tres Camenzind ein Gesicht gegeben”.

Mit der neusten Serie mutmasslich flüchtig (seit 2015) stellt uns der Fotograf vor Menschenbilder, gedruckt auf Polyesterfolien, hintereinander gehängt in Stahlrohrrahmen. Nicht wen man sieht ist dem Künstler wichtig darzustellen, sondern was man sieht. Wichtig ist ihm auch dabei eine gewisse Transparenz zu bewahren. So lässt er jede Folie sehr licht, um in der Tiefe aller Folien die gewünschte Transparenz zeigen zu können. Auch hier geht es Camenzind wieder um die Flüchtigkeit des Blickes und des Augenblicks, auch um die Vergänglichkeit des Greifbaren, sowohl inhaltlich als auch formal. Diese Arbeiten sind alles Unikate.

Tres Camenzinds Fotografien muss man nicht nur live gesehen, sondern auch erlebt haben. Man sollte sich vor die mehrschichtigen Kompositionen auf Leinwand oder Polyesterfolien stellen und langsam hin und her bewegen. So vertieft sich das Bild, die eigene Perspektive immer mehr, es wird immer komplexer, verunsichert in der optischen Wahrnehmung, verwirrt sogar oder macht schwindlig. Camenzinds Arbeiten leben aus der Tiefe heraus, bringen das Innere zum Vorschein – nicht umgekehrt.

Beifügend zu diesen Arbeiten zeigt die Galerie in der Vitrine noch kleinere Arbeiten Camenzinds aus der Serie Ebenbilder (seit 2017). Modelleisenbahnfiguren en miniature, winzig kleine Lebewesen werden durch Makrofotografie und bestimmte Lichteffekte ins Leben gerufen, in die Grösse gehoben. Kleine Figuren wie Du und ich, ganz gross.

Galerie Wenger, März 2020

Website Galerie Wenger

Episode XVIII, 2019 aus “mutmasslich flüchtig”


«mutmasslich flüchtig»

zur Ausstellung von Tres Camenzind in Wil, Kultur im Pavillon ( 24. Februar bis 25. März 2018 )

Lieber Tres, guter Freund,
liebe Freunde und Verwandte von Tres,
liebe Besucherinnen und Besucher seiner Ausstellung,

Ein guter Barolo soll nicht jung getrunken werden, er adelt sich mit jedem Jahr im Keller, dann erst dekantiert trinken und geniessen wir ihn, schweigen beseelt wie vor guten Fotografien. Die Arbeiten von Tres Camenzind sind mit dem Altern eines guten Barolo vergleichbar. Denn mit jeder neuen Werkgruppe erreicht er eine noch grössere Tiefe. Die uns durch seine fotografische Sprache offenbarte Welt wird zusehends abgründiger, vielschichtiger und unfassbarer.

Seine heute eröffnete Ausstellung zeigt Tres Camenzind auf dem Höhepunkt seiner freien Arbeiten. Sie rauben mir den Atem und auch die Worte, doch mein Geist rumort und mein Herz wechselt seine Farbe.

Tres Camenzind titelt seine Ausstellung hier im und um den Pavillon der Psychiatrie St.Gallen Nord «mutmasslich flüchtig». Mogelt er sich durch mit einer solch unfassbaren Betitelung, mit einer, die sich auf keine Richtung festlegen lässt? Mogelt er mit dem Titel zur Foto-Installation hier im Raum: «Tiefsehtauchen»? Mogelt er mit dem Projektnamen «Ebenbild» zur Arbeit draussen vor dem Pavillon?

«Sich durchmogeln» – kennen Sie dieses Gefühl, diese an sich irritierende Selbst-Einschätzung?
«Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart», kurz «DWDS» genannt, konnotiert dieses Verb mit salopper, abwertender Bedeutung noch existenzieller mit «sich durch Mogeln durchbringen».

Darf ich hier bekennen, dass ich das Gefühl des Durchmogelns ganz gut kenne (auch heute noch!), es früher immer abwertend und in der Angst dabei erwischt zu werden verschwieg?
Doch dann begann ich vielen meiner Freunde vertrauensvoll diese Frage zu stellen: «Dich durchmogeln» – sag, kennst Du dieses Gefühl? Und bis auf eine Ausnahme bekannte sich jeder dieses Gefühl sehr wohl zu kennen und ganz gut damit zu leben. Ihre offenen Antworten liessen mich mehr und mehr erleichtert von einer Befragung zur Entlarvung abrücken. «Sich durchmogeln» profilierte sich zu einer selbstverständlichen Verhaltensweise eines weitgehend normalen Menschen. Zugegeben, vielleicht ist der Begriff «sich durchmogeln» auch nicht die zutreffendste Wortwahl für unsere vielschichtige Gabe zur Improvisation.

Mogeln wir, wenn wir uns an den Rändern unserer Kenntnisse aufhalten?
Mogeln wir, wenn wir mutig unserem Instinkt vertrauen?
Mir ist ein tiefsinniges Zitat von Immanuel Kant geläufig – mogle ich, wenn ich nicht den ganzen Kant gelesen habe? Er nämlich schrieb: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Mogeln wir, wenn wir uns ohne Visa und ohne Diplom Fremdem nähern?
Mogeln wir, wenn uns die Worte fehlen, doch unser Geist rumort, das Herz wechselt seine Farbe?

Nun hoffen Sie vielleicht, ich sei von Tres Camenzind ausführlich eingeweiht worden und würde Ihnen jetzt alles weiterreichen? Also, was es über seine Arbeiten zu denken gilt und wie sie zu verstehen sind, was ihr Ausgangspunkt war und ihre Aussage sei. Doch nein, er liess auch mich allein, keine Visa für Wil, keinen Schuhlöffel zur Ausstellung, kein Korkenzieher zur Dekantierung unserer Fragen.
Denn Tres Camenzind weiss, dass man sich Bildern mit Vorsicht und ohne vorlaute Worte nähern soll, damit sie ihr Geheimnis bewahren können und ihr Zauber erhalten bleibe. Viele unserer Fragen sollen unbeantwortet in uns und in den Bildern ruhen, bitte nicht durch platte Antworten flachgewalzt werden.
Denn wir wissen eigentlich schon, was wir da sehen und sind daher auch zu eigenen Erkenntnissen fähig. Wir verstehen es vermutlich nicht aus derselben Perspektive wie es sich Tres dachte, sondern aus unserer ganz persönlichen Perspektive heraus. Wir brauchen uns nur unsere eigene Subjektivität zuzugestehen. Denn auch ohne den Talmud durchgelesen zu haben, wissen wir von ihm: "Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind."

Mogeln Sie sich also durch die Ausstellung von Tres Camenzind, stellen Sie sich selbst die Fragen und behalten Sie einige Ihrer Antworten für sich.

Beim «Tiefsehtauchen» wie auch vor den «Ebenbildern» werden Sie auch sich selbst begegnen, Ihren Imaginationen, Ihren Ängsten, Wünschen und Träumen. Und machen Sie sich dabei keine Sorgen, nein, gönnen Sie sich diese Ihre Blicke ohne Visa und ohne Diplom auf scheinbar Fremdes. Dazu wünsche ich Ihnen ein nachhaltiges Erlebnis!

Solltest Du aber, lieber Tres, das mutmasslich Flüchtige doch dingfest machen wollen, fand ich Dir zur Unterstützung in Eisenbahnfiguren-Grösse eine handvoll Fotografinnen und Fotografen, aber auch eine Gruppe von Polizisten mit treuem Rex, dazu immerhin zwei mutmasslich Flüchtige, der eine schon mit erhobenen Armen. Sie alle, Polizisten und Fotografen, schreien: Halt oder ich schiesse!

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Giorgio von Arb Zürich, zur Vernissage am 23. Februar 2018

Episode IV, 2017

Einladung zur Ausstellung «mutmasslich flüchtig»



und grün wie der Himmel - blinzelnd durch den Wald

Wie Telefonmasten sind wir, wenn wir den Wald betreten. Jene Telefonmasten, die in den Wald zurück- gestellt wurden dank einer Idee, nachdem sie lange und in grossen Abständen zueinander in Reihen standen, dort wieder austrieben, sich reckten, Wurzeln schlugen, Raum griffen, ausfächernd bis in die Zweige eines nächsten Baumes. Der Wald lädt uns nicht ein. Wir betreten ihn wie ein fremdes Land, streifen die Stadt stillschweigend ab. Erfahren im Unterholz und Geäst, dass hier nicht Grösse gefragt ist, sondern unsere Sinne, nackt wie Tentakeln.

Wir betreten die Wälder und betrachten die Fotografien von Tres Camenzind blinzelnd, schauen sie mehr aus der Unbegreifbarkeit unseres Unterbewusstseins. Unsere verunsicherte Haltung findet in diesen Bildern einen überraschenden Spiegel. Und Zeit schenken sie uns, etwas zu betrachten, dem sich unser Bewusstsein oft entzieht. Das schillernde Licht, vom grünen Himmelsdach in den kühlenden Schatten des Waldes geworfen, blendet uns. Es wird dem Wald zum Schmuck, zum Fest, gibt sich wie Lametta allem hin, funkelnd, glitzernd und versöhnlich. Es streift warm die Stämme, versetzt Zweige mit dem Spiel der Lüfte in kaleidoskopische Unruhe. Die unendliche Vielfalt der Flächen eines Waldes wird dem Licht, dem Tau, dem Regen, dem Frost, dem Schnee, den fliegenden Sämlingen zum Gefäss, zur Bütte, zur Schale, zum Kelch. Und auch die vertikalen Stämme werden durch eine flimmernde Umgebung aus ihrer Strenge befreit, scheinen vom Boden gelöst, täuschen wurzellosen Flug vor, von Licht getragen. Doch bei Einbruch der Nacht wandelt sich die dicht stehende Reihe der hohen Tannen in eine sich unmerklich schliessende Zahnreihe, droht uns zu verschlucken wie der Wal seinen Jonas.

So retten wir uns auf Waldlichtungen, die wie Fruchtkörbe liegen, ein Versprechen auf Erdbeeren, Himbeeren, Holunder, Tollkirschen und Pilze. Oder wir kauern uns an den Rand der Lichtung wie ein Jäger auf seinem Hochsitz, harren der Erscheinung eines solitären Königs, zwölfendig wie das Jahr. Insekten vermessen währenddessen im Reigen ihres Auf und Ab den luziden Platz. Tatsächlich, die Geräusche bedrängen uns hier weniger, der Himmel über uns zeigt sich wieder blau wie im Lehrbuch, hinter uns schwebt das grüne Kathedralengewölbe.

Denn die Geräusche des Waldes wie auch jene in den Fotografien von Tres Camenzind lassen uns innehalten, rauben uns für einen Augenblick den Atem. Wo ein Ast sich am anderen reibt, ein Stamm sich in seinen Nachbarn verkeilt, ein Wind, ein Sturm die Pflanzen aufeinander zutreibt, werden Töne frei, die Schraffuren gleichen, Töne uns nicht vertrauter Instrumente, Laute uns nicht bekannter Tiere. Aber auch, als ob sich an der Flanke, dem Hals eines Hirsches, eines Rehs, einer Wildsau eine Schraffur zeigte, kaum hat sich das Tier an einem Stamm gerieben.

Der Wald ist ein Revier, welches der Zeit vordergründig mehr zu trotzen scheint als unser offenes Land. Es lässt sich weniger schnell einnehmen als ein Berghang, der mit Skilift und Gondel gespickt wird und sich Skijacken darauf verstreuen wie Konfettis an Karneval. Im Wald herrscht trotz Grillplatz und buntem Richtungshinweis der Atem einer anderen Welt. Aus keinem seiner Bewohner haben wir Menschen Haustiere zu schaffen vermocht, nicht einmal das Eichhörnchen, das putzige, liess sich domestizieren. Die Märchen haben dem Wald Wesen zugestanden, die nur da und in unserer Fantasie Lebensraum fanden, der Faun, der Troll, der Pan, das Einhorn, gewisse Elfen. Und die Geister der ausgestorbenen Tiere unserer Wälder rauben uns des Nachts die Ruhe, kein Liebespaar setzt sich dem streunenden Geist eines Bären oder Wolfes aus.

Im Wald werden wir uns selbst fremd und feig, in seinem Dunkel fürchten wir unsere eigene Stimme, die wir dann doch gegen unsere Furcht einsetzen, um ja nicht zu hören, wie die Angst sich uns nähert.

Die Fotografien von Tres Camenzind lösen an der Grenze zwischen meinem Bewusstsein und meinem Unterbewusstsein eine abenteuerliche Reise aus, ein steter Spagat verbindet diese zwei Seiten des Menschseins, berührt auch unausweichlich Räume unserer Kindheit. Ich glaube, im Wald sind wir das, was wir immer schon waren! Diesen Wäldern hat Tres Camenzind ein Gesicht gegeben.

Giorgio von Arb Zürich, 10. April 2014

Niderholz V, 2012


Heimgeborenland

Projekttext zum Kunstprojekt «Zwischenstationen» im Spital Uster

In einem Interview (NZZ, 22.03.2014) äussert Jonathan Lethem die These, dass unsere Vergangenheit eine Art Auseinandersetzung sei, die uns betrifft. Und das Einzige, was wir Nutzen können, um sie zu rekonstruieren, sei die Gegenwart: Unser Glauben, unsere Phantasien, unsere Sehnsüchte und Ängste.
Wenn also der Fotograf Tres Camenzind sich heute dem Urserental zuwendet, wo seine Vorfahren über viele Generationen gelebt haben und er selbst während seiner Kindheit oft und für viele Wochen dort Ferien machte, bleibt der Ausgangspunkt seines Schweifens, sind seine Blicke und deren Bekräftigung durch fotografische Aufnahmen dennoch ungeschminkt an das Heute gebunden.
Wie archaisch einige seiner Fotomotive uns auch anmuten, zeigen sie das ‚Heimgeborenland’, wie Tres Camenzind sein Langzeitprojekt betitelt, doch ausnahmslos als Gegenwart, fern einer heilen Welt. Doch uns urbanisierten Zeitgenossen genügt schon ein Fragment vermeintlicher Kalenderbilder - ein verschneiter Berggipfel, eine felsige Furt, eine grüne Au, verstreut weidende Kühe - schon juchzen wir verzückt. Wir sind gerne bereit für einen höhlengereiften Käse mehr zu bezahlen, stellen uns keine Fragen zur Architektur oder zum Standort dieser sogenannten Höhle. Und so erblicken wir einen ranken Schneemann, sehen kaum die Giraffe oder Comic-Figur mit langem Hals auf gelbem Sockel. Die Staubwolke über der Strasse wurde doch nicht durch ein Fahrzeug aufgewirbelt, nein, eine wilde Bö war’s. Sogar die Schafe blicken uns an, als hätten sie noch nie einen Fotoapparat erblickt, als hätten wir aus einer ganz anderen Zeit zu ihnen gefunden.
Bemerkenswert, wieviel Respekt mit seinen Fotografie gewordenen Fantasien und Glauben Tres Camenzind diesem seinem Heimgeborenland zollt, zweifellos mehr als mancher Planer, Planierer und Erdhobler.
Mit seinen Bildern gelingt es ihm, uns unsere Gegenwart in ihrer widersprüchlichen Gestalt und unaufhaltbar scheinenden Gestaltung so zu spiegeln, dass wir ehrlich bekennen müssen, selbst die Baumeister der Mauern vor unserem Paradies zu sein, blind für das, was wir nicht sehen wollen.

im Frühjahr 2014

Giorgio von Arb, Projektleitung «Zwischenstationen» Spital Uster



Wie weit ist Heimgeborenland noch Heimgeborgenland?

Der Zürcher Fotograf Tres Camenzind stellt in Braunwald Bilder aus dem Urserental aus. Eine Spurensuche in seinem «Heimgeborenland» und eine Auseinandersetzung mit dem Bauen in den Alpen.

Von Fridolin Rast

Braunwald. – Tres Camenzind ist im Thurgau aufgewachsen und arbeitet in Zürich als Fotograf. Aus über 1000, in sieben Jahren entstandenen Bildern hat er seine Ausstellung «Heimgeborenland» speziell für den Raum in Braunwald komponiert. Mit ihr dokumentiert er Spuren seiner Kindheit, die 1963 in Realp anfing. Und mit der Vernissage hat das «Bsinti» seine Sommersaison begonnen.

Veränderungen zu Bildern machen
Die Blüte des Transitverkehrs vorbei, die Armee aus dem Tal mehr oder weniger verschwunden, der Tourismus darbend: Vor diesem Hintergrund seien die Camenzinds weggezogen, erklärt der Glarner Fotograf Fridolin Walcher, der die Ausstellung kuratiert hat. Und Tres Camenzinds Langzeitarbeit sei gewissermassen mit ägyptischer Hilfe entstanden: «Camenzind macht Veränderungen im Tal zu Bildern.» Mit dem Bauch als Geigerzähler, so das Bild von Walcher: «Wenn der ausschlägt, fotografierts. Nicht wertend, nur hinweisend.»
So zeigt Camenzind Zeichen der heutigen Zeit «mit dem liebevoll aufgeladenen Blick des kleinen Tresli». Unspektakulär bei der alten Sprungschanze, gegensätzlich beim Wohnblock neben dem Kirchlein und dem Friedhof, auf dem die früheren Urschner ihre ewige Ruhe fanden.
Ihm gehe es auch um die Menschen, die heute im Urserental leben, betont Camenzind. Auch wenn sie auf den Bildern selten direkt erscheinen, sondern nur – etwa mit der brasilianischen Flagge – durch ihre Spuren präsent sind. «In den sieben Jahren hat sich eine ganz andere Beziehung zu ihnen und eine gewisse Ruhe ergeben», sagt er. «Ich sehe, was im Tal passiert, und mir geht das Herz auf.»

Fragen auch für Braunwald
«Wo ist unser Heimgeborenland?», fragt Walcher in die Runde: «Oder unser Heimgeborgenland? Haben wir mehrere davon, und wie gehen wir mit ihnen um?»
«Wieviel Nostalgie wollen wir, wie viel ertragen wir? Wieviel Veränderung? Welche Siedlungs- und Entwicklungspolitik streben wir an, was sind wir beizutragen bereit?» Und weiter: «Was löst das Verschwinden eines Ladens aus und das Entstehen des ‘Bsinti’, das seinen Platz einnimmt? Wie steht man den Dieselfahrzeugen gegenüber, sei es auf den Dorfstrassen oder beim Bahnhof unten, wenn man sie selber für schweres Gepäck nutzen möchte?»
Mit «Heimgeborenland» fordert Tres Camenzind – «poetisch, träumerisch, zart verpackt» – dazu auf, die eigenen Länder zu betreten, eine Meinung zum Heute zu bilden und eine Stimme dazu zu finden, wie Walcher sagt. Verbunden mit dem Aufruf, sich auch dort der Entwicklung empathisch und verantwortungsvoll zuzuwenden, wo weder Heimgeborennoch Heimgeborgenland ist. Einem Aufruf, den er nicht nur an «von nostalgischen Emotionen» unbelastete Grossinvestoren richtet, sondern auch an die Einheimischen.

Diskussionsort der alpinen Fotografie
Tres Camenzinds Ausstellung sei ein wichtiger Eckpunkt, um das «Bsinti» als Diskussionsort der alpinen Fotografie zu etablieren, erklärt Walcher: «Und sie ist ein wunderbares Geschenk zum Feiertag der Schweiz.» Und er ruft dazu auf, das Heimgeborenland und Heimgeborgenland Braunwald miteinander zu gestalten. Das nötige Bewusstsein, «Bsinti» eben, zu entwickeln.

erschienen in DIE SÜDOSTSCHWEIZ, 5. August 2013




Heimgeborenland - Laudatio Ausstellung im Bsinti, Braunwald vom 27. Juli bis 27. Oktober 2013

Der Fotograf Tres Camenzind hat eine der ganz normalen möglichen Berglerbiografien: Geboren im Urserental auf 1500 Metern als Sohn von Realper und Hospentaler Eltern, ausgewandert ins Unterland, in den Thurgau, Fotografenausbildung in Zürich, wo er heute als freischaffender Fotograf lebt. Camenzind war bis 2011 Präsident des vfg, des Verbandes der kreativen Fotografen. Dort habe ich Tres vor rund 10 Jahren kennen- und schätzen gelernt.

Das Urserntal im Kanton Uri, so hoch gelegen wie Braunwald, Tödiblick, Heuerberg, Schwettiberg, aber ein völlig anders Lebensgefühl: ein Talkessel. Auswege gibt’s nur über die Pässe: Furka, Gotthard, Oberalp oder hinunter durch die Schöllenen, vorbei am Teufel mit seiner Brücke. Ein Tal zum Bleiben – oder Flüchten. Warum die Camenzind geflohen sind und wovor, fragen sie sich? –
Ein typisches Bergtal, einst in Blüte, Transitverkehr im Sommer, Tourismus im Winter, dazu ein Grossinvestor: die Schweizer Armee mit ihren heroischen Festungen, die die Freunde draussen in Europa ins Zittern brachten beim baren Gedanken, sie bezwingen zu müssen, vom vorherigen Ueberlisten des Teufels ganz zu schweigen.
Nun, die Zeiten haben sich geändert: diese Art von Krieg scheint vorbei zu sein in Europa, die Festungen dienen höchstens noch als Erlebnispark, die Armee hat sich aus dem Staub gemacht und der Transitverkehr rollt unterhalb der Hölle des Teufels durch. Suworow ist tot und hat in Linthal sein Museum – und Camenzinds sind weggezogen.
Das ist die Welt von Camenzinds Arbeit HEIMGEBORENLAND, einer Langzeitarbeit von Tres Camenzind, begonnen im Jahre 2006 mit ägyptischer Hilfe: dem Investor Sawiri, der im Hochtal Golfplätze, Hotels, Bergbahnen und Appartementhäuser sponsert, haben wir - indirekt - auch diese Arbeit zu verdanken. Sie sehen, wie weitreichend positiv sich solche Investitionen auswirken!!
Im Bauch des Fotografen lag die Arbeit schon länger am Gären. Sawiri hat sie ausgelöst! Camenzind ist mit der Rollei und mit Rollfilm auf Spurensuche gegangen, hat die emotionsgeladenen Erlebnisorte des kleinen Tresli aufgesucht und das als doch ziemlich erwachsener Mann von mittlerweile 50 Jahren.
Also ist Heimgeborenland eine völlig private Arbeit. Und Privates von diesem Fremden interessiert uns nicht, denn A: Haben wir eigene Kindheitsemotionen, die sind schon schwer, schön und schwülstig genug. B. Emotionen gehören in die Vergangenheit. Sie helfen uns im Jetzt nicht weiter.

ABER: Camenzind ist Fotograf – und dazu noch Mensch – ein äusserst feinfühliger, wie ich seiner Arbeitsweise entnehme. Mit diesem Antrieb seiner eignen Emotionen zieht er los und fotografiert Orte seiner Kindheit.

Den Hügel der alten Sprungschanze in Andermatt unter der Gemsstockbahn, den Ort seiner ersten Geschwindigkeitsrekorde auf Ski, gefahren zusammen mit seinem Vater. Das Baumhaus, das schon in seiner Kindheit neben dem Hotel trohnte. Die Madonna, die durchs Fenster auf die schmale Gasse schaut. und realisiert dabei, was das mit dem grossen Tres von heute macht. Und da sind wir – gottseidank im Jetzt gelandet! 

Wieviel Nostalgie wollen wir?
Wieviel Veränderung?
Welche?
Welche Siedlungs-und Entwicklungspolitik streben wir an?
Was sind wir persönlich bereit, dazu beizutragen? 

Und Camenzind beginnt mit derselben Energie Veränderungen im Tal wahrzunehmen und zu Bildern zu machen. Sein Geigerzähler ist quasi sein Bauch. Wenn er ausschlägt, fotografiert’s. Nicht wertend, nur hinweisend: Ganz fein und unspektakulär. Es sind Zeichen der heutigen Zeit, fotografiert mit dem liebevoll aufgeladenen Blick des kleinen Tresli, gemischt mit dem klaren Blick des Fotografen Tres. 
Und hier verliert die Arbeit das rein Private, sie wird öffentlich, weil sie uns alle etwas angeht. 

Wo ist unser HEIMGEBORENLAND?
Oder unser HEIMGEBORGENLAND?
Haben wir mehrere davon?
Wie gehen wir mit ihnen um? 

Wir feiern heute miteinander den 1. August hier in Braunwald. Die meisten von uns sind nicht zufällig da: für einige, wie für mich, ist Braunwald das Heimgeborenland, für einige von Ihnen ist es ein Heimgeborgenland. Viele von ihnen waren als Kinder hier in den Ferien. Heute haben sie hier ihr Ferienhaus, sie kehren zurück an die Plätze ihrer Kindheit. 

Was löst der Abbruch des Hotel Niederschlacht aus in Ihnen?
Wie sehen sie die neuen Blocks, die an seine Stelle treten werden?
Was löst der Wegfall des Volg in Ihnen aus?
Wie erleben Sie das Entstehen des BSINTI anstelle des Volgs?
Und wie ist ihre Haltung dazu, wenn Sie auf der Suche nach der Fonduemischung sind, die sie immer im Volg gekauft hatten?
Was löst das Verschwinden der Pferdefuhrwerke in Braunwald in Ihnen aus?
Wie sehen sie die Zunahme des Dieselverkehrs?
Und wie ist ihre Haltung dazu, wenn sie bei der Anreise am Perron stehen in Braunwald? 

Ich fordere Sie auf, zeichnen Sie ihr Heimgeborenland nach, ihre Orte der emotionalen Verbundenheit und zeichnen sie die Veränderungen auf – mit der Kamera oder vor ihrem inneren Auge und nehmen sie ihre Gefühle war, was es heute macht mit ihnen. Daraus entwickelt sich die Klarheit, Stellung zu nehmen und mitzugestalten, eine Meinung zu haben, das Heute zu entwickeln. 
Sie brauchen dies technisch und gestalterisch nicht so perfekt zu machen wie Tres hier. Aber nehmen Sie seine Idee auf, machen Sie jedes Jahr ein Panoramabild einer realen Veränderung in ihrer Umgebung, wie hier hinten das weisse Bild mit den Fundamenten des Sawiri Hotels in Andermatt. Ich bin überzeugt, dass Sie das ebenso mit Witz und Augenzwinkern schaffen wie Tres: und plötzlich ganz feine Veränderungen wahrnehmen: Die brasilianische Flagge mit Ordem et Progresso, anstelle des Uristiers beim Miststock von Bauer Regli. 
Der Alpenraum ist voller nostalgischer Gefühle. Das lähmt und verleitet zum Verharren. Dadurch kommt die Zeit der Grossinvestoren. Sie haben es einfach, sie haben keine nostalgischen Emotionen, nicht an diesem Ort. Sie haben sie anderswo. 
Etwas haben wir mit den Grossinvestoren gemeinsam: wir alle begegnen mehr Orten, die weder Heimgeborenland noch Heimgeborgenland darstellen für uns. Sind wir dort auch bereit, uns der Entwicklung so empathisch und verantwortungsvoll zuzuwenden, wie in unsern Heimatgefilden?
Achtung!! Haben Sie genau zugehört? Ich habe nicht gesagt, Investoren seien grundsätzlich verantwortungslos und Eingeborene seien grundsätzlich verantwortungsvoll .... Ich kenne persönlich Eingeborene, die alte Ahornbäume auf ihrem Grund und Boden anzünden des Nachts und ich kenne Investoren, die ihre erworbenen Gefilde zum Weltkulturerbe machen wollen. 

HEIMGEBORENLAND 

Poetisch, träumerisch, zart verpackt fordert uns Tres Camenzind auf, unsere eigenen Länder zu betreten, uns eine Meinung zu bilden zum Heute und uns dazu eine Stimme zu verschaffen. Feinfühlig, wie er ist, geht er zum Schluss zurück ins Private, Intime, ganz leise und klein, hinten in die Ecke. Vielleicht steckt dort in dieser privaten Ecke die Antwort darauf, warum es sich lohnt, diese ganze Arbeit zu leisten - . 

Ich danke dir, Tres von Herzen, dass du auf meinen Wunsch eingegangen bist, deine Arbeit hier im BSINTI zu zeigen. – Sie bildet einen wichtigen Eckpunkt, BSINTI FOTOGRAFIE als Diskussionsort der alpinen Fotografie zu etablieren. Und, sie ist ein wunderbares Geschenk an uns zum Feiertag der Schweiz. 

Und Ihnen, liebe Gäste, danke ich, dass Sie bereit sind, sich auf diese Arbeit einzulassen. 

Gestalten wir das HEIMGEBORENLAND und das HEIMGEBORGENLAND BRAUNWALD miteinander. Herzlichen Dank!

Fridolin Walcher zur Vernissage am 1. August 2013

Hintere Gasse Realp, 2011

Menschen mit Multiple Sklerose - Gesichter einer Krankheit

Gedanken zu den Portraits zur Vernissage des Kunst am Bau Projekts 

Vor 10 Jahren habe ich Multiple Sklerose kennengelernt. 

Ich realisierte für forte, der Zeitschrift der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft, mein erstes fotografisches Portrait einer MS-Betroffenen. Ich hab gesehen wie tief die Krankheit in einen bis dahin selbstverständlichen Alltag einer Künstlerin eingriff. 

Mittlerweile sind über 30 weitere Portraits entstanden und mit jedem Menschen, den ich so kennenlernte, wurde auch für mich Multiple Sklerose ein wenig sichtbarer. 

Die Krankheit hat viele Gesichter. 

Zum Beispiel das von Simon Galler, einem jungen Mann, MS seit seiner Kindheit, schwer behindert, im Rollstuhl, seiner Sprachgabe beraubt, jedoch fähig mit seinem Lachen seine ganze innere Welt zu schenken.
Oder das Gesicht von Brigitte Rüegg, einer jungen kreativen Frau, Handy-Fans ken-nen sie. Diagnose MS mit 25 Jahren. Eine damals fürs blosse und schnelle Auge gesunde Frau. Doch nach zwei MS-Schüben in den beiden Jahren zuvor ist der Schatten über der Zukunft riesengross.
Da ist auch Markus Stettler, über 60 Jahre alt, lebt seit 20 Jahren mit MS und seit 15 Jahren im Heim. Mit seinem Berner „Gring“ kämpft er sich fürs Foto die Stufen hoch, das Gesicht schmerzverzerrt, der Körper schwankend, das Treppengeländer klam-mernd. Er sagt, dank Therapie schafft er jetzt doppelt so viele Stufen.
Oder Roger Seiler. Mitte 30. MS machte ihm den Körper steif, bewegungslos, trinkt mit Trinkhalm. Schelm, der er ist, sitzt mit T-Shirt im Rollstuhl, kolportiert seine körperliche Faulheit. Sein Kopf jedoch, schnell und klar. 

Ich war in diesen Jahren oft tief beeindruckt von der Art und Weise wie MS-Betroffene mit ihrer Krankheit umgehen, wie offen sie von ihrem Alltag mit der Krankheit erzählten oder was sie meinem fotografischen Blick zeigten. Mit diesem offenen Austausch verdichtete sich auch mein Bild von der Multiple Sklerose. Und - nicht nur nebenbei - habe ich viele tolle Menschen kennengelernt. 

Tres Camenzind, im September 2009

Hanspeter Kunz, 2002